Wissen – Ju-Jutsu

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Wissen – Ju-Jutsu

Die sanfte Kunst

„Was ist Ju Jutsu?“ Eine Frage, die mir oft gestellt wird. Eigentlich schade, denn dieser Sport hat in Deutschland und mittlerweile weltweit viele Anhänger. Der Begriff Ju-Jutsu wird außerhalb Japans mindestens so häufig korrekt wie unkorrekt interpretiert. Die einfachste Übersetzung „Sanfte Kunst“ oder „Weiche Magie“ sagt vieles, aber noch lange nicht das Wichtigste darüber aus. Auch die Aussage außerhalb Japans, dass es nur ein Ju-Jutsu gäbe, hält einer historischen und seriösen Überprüfung nicht stand. Das moderne Ju-Jutsu in der westlichen Hemisphäre entstand definitiv aus den traditionellen japanischen Grundlagen mit den Zeiten der Meiji-Reform um 1868. Eine wörtliche Übersetzung des Terms Ju-Jutsu ist aufgrund seiner vielen Idiome beinahe unmöglich. Meiner persönlichen Ansicht nach wäre die folgende Definition dieses Begriffes etwas umfassender: Eine Methode des Nahkampfes, sich unbewaffnet oder mit Hilfe einfacher Waffen auf offensivem oder defensivem Weg gegen einen oder mehrere bewaffnete oder unbewaffnete Angreifer zu verteidigen.

Doch zurück zu den Ursprüngen:

Das traditionelle Ju-Jutsu wird in Japan im Allgemeinen als Koryu-Bu-Jutsu verstanden und übersetzt. Es ist das Produkt einer langen Epoche politischer, sozialer, historischer und technischer Entwicklungen, die durch ständige innere und äußere Einflüsse einer permanenten Veränderung ausgesetzt war. Die Tatsache, dass Ihnen selbst in Japan fast niemand definitiv sagen kann, wann dieser Begriff wirklich geprägt wurde, spricht Bände. Wie in vielen Ländern entwickelten sich fast zeitgleich viele Kampfformen, die ursprünglich alle dem einzigen Zweck der Kriegsführung dienten. Die technische Verwandtschaft vieler Stile entspringt bis heute den Abhängigkeiten der menschlichen Biomotorik bzw. Biomechanik. Die Kanji 武術 -Bu-Jutsu- sind einige der wenigen aus der japanischen Schrift, die mit der chinesischen Schrift noch identisch sind. BU-JUTSU: „Kriegs-Technik“, im chinesischen WU-SHU: „Die Lanze brechen“ oder die „Lanze aufhalten“ wären die einfachsten Übersetzungen. Im Jahr 700 war in Japan ein chinesischer Militärkodex, der „San-Ryaku“, weit bekannt. In diesem Kodex findet man die Passage: „Ju yoku sei go“, was so viel bedeutet wie: Die Sanftheit kontrolliert die Härte. Zu dieser Zeit wurde in Japan der chinesische Begriff JU mit YAWARAKA übersetzt, hergeleitet aus dem Verb YAWARAGERU für „weich machen“. Da bis Anfang 1700 Japan aus 300 kleinen Baronaten bestand, den so genannten HAN, existierten dort fast ebenso viele „Ju-Jutsu Ryuhas“, die alle ihr eigenes Selbstverständnis in Bezug auf Technik und Philosophie des Kämpfens hatten. Der Tokugawa-Clan versuchte um 1630 einen Überbegriff für die vielen Ju-Jutsu Stile zu prägen und man einigte sich auf „YAWARA JUTSU“. Die außerjapanische Einflussname des chinesischen Kung-Fu, auf Okinawa als „Chuang Fa“ bezeichnet, ist bis heute unbestreitbar. Auf dem langen Weg von Okinawa zum Festland Japans verlor dieser Einfluss allerdings immer mehr an Gewicht und die ureigene Form des Ju-Jutsu gewann an Beständigkeit. Als reine Kriegskunst war der Umgang mit allen zur damaligen Zeit verfügbaren Waffen notwendig. Und so war es normal, dass Menschen, die Ju-Jutsu ausübten, sich mit diversen Waffenformen auskennen mussten. Allerdings war dies streng reglementiert. Denn einem „Normalbürger“ war das Tragen von Katana oder ähnlichen typischen Samurai-Waffen untersagt. Und es gab einen sehr großen Unterschied im Technik-Repertoire, ob ein Zivilbürger oder ein General sich mit der Kampfkunst beschäftigte. Für Militärs war das Kumi-Uchi (Freikampf mit Reglement) oft in Verbindung mit Waffen oder für Rüstungsträger das „Yotsu Gumi“ (Gleichgewichtbrechen) von Bedeutung. Für Zivilbürger war das „Suhada Kumi-Uchi“ eine der frühesten Formen der Straßen-Selbstverteidigung. Um 1868 ging mit dem Beginn der Meiji-Reform in Japan viele alte Kampfkünste verloren und insbesondere durch die Wirren des 2. Weltkrieges wurden durch die Alliierten Kräfte das Ausüben von Kampfkünsten noch einmal untersagt. Denn leider waren sehr viele nationalistische Kräfte ultrarechter Lager in Japan mit den Kampfkünsten stark verbunden. Und man wollte die Aggression im Keim ersticken. Gleichzeitig führten diese Schritte dazu, dass Militärs, Händler, Wissenschaftler die Formen des traditionellen Ju-Jutsu nach Europa und Amerika brachten. Durch die dort existierenden Formen des Ringens und Boxens vermischte sich die Form des japanischen Kämpfens und das europäische Ju-Jutsu nahm seinen Lauf. Die frühere Bezeichnung Jiu-Jitsu war eine schlichtweg phonetisch falsche Übersetzung und würde noch heute viele Japaner verwirren.

Das andere Ju-Jutsu in seiner modernen Form ist mir ebenso wichtig.

Als Sport, als Lebensauffassung, als Selbstverteidigung. Ich habe die Realitäten der Selbstverteidigung (zu meinem Vorteil und zu meinem Nachteil) ausreichend kennen gelernt und möchte dies auch an meine Schüler vermitteln. Motorik, Kondition, Selbstdisziplin und das Wollen und Wissen einen Weg zu beschreiten, der niemals aufhört. Nicht einfach verkonsumieren. Verarbeiten im Körper und im Geist. Den Biss zeigen, etwas durchzuziehen und nicht nach ein paar Versuchen wieder fallen zu lassen. Selbstverständlich führt ein ständiges Ausüben von Kampfsport oder Kampfkunst zu einer anderen Ausstrahlung. Und gerade diese ist es, mit der die erste Selbstverteidigung beginnt.

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